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Zweiter Rundbrief

Autor: AnnikaW | Datum: 09 Mai 2018, 03:34 | 0 Kommentare

Malang, 04.04.2018

 

Hallo Liebe Unterstützer*innen, Hallo Liebe Freunde und Verwandte,

Sudah makan? Sudah mandi? - Habt Ihr schon gegessen und geduscht? - Das, Ihr Lieben, ist die typische Begrüßung zur Einleitung eines Smalltalks. Für mich war es am Anfang sehr befremdlich, dass ich zu Beginn jeden Gespräches immer als erstes diese Fragen gestellt bekommen habe, auch von mir bis dahin völlig fremden Personen. Aber auch wenn man den Fernseher einschaltet hört man diese Gesprächseinleitung von den Moderatoren nicht selten.

Das ist hier halt die höfliche Form einen Smalltalk einzuleiten und auch mir ist es mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen so meine Mitmenschen zu begrüßen. Dementsprechend hoffe ich, dass euch hiermit mein zweiter Rundbrief bei bester Gesundheit, mit vollem Bauch und frisch geduscht erreicht. 

Wie diese Floskeln ist mir hier mittlerweile sehr vieles zur Gewohnheit geworden, deshalb fällt es mir nicht gerade leicht jetzt alles Interessante und Wichtige aus den vergangenen Wochen für Euch herauszufiltern. Vieles ist mir eben zum Alltag geworden, aber gerade das ist für mich mit ein Zeichen dafür, dass ich hier wirklich angekommen bin.

Als erstes wird es aber höchste Zeit Euch endlich genau zu berichten, was hier eigentlich meine Aufgabe ist. Wie letztes Mal schon beschrieben ist meine Haupteinsatzstelle die christliche Grundschule SDKr YBPK Ngaglik. Dort halten die Schulleiterin, drei Lehrerinnen, zwei Aushilfslehrer, die nur ein paar Tage die Woche da sind und ich etwas weniger als 30 Schüler*innen in Schacht. Die Schule ist wirklich sehr klein und hat, laut Angaben der Lehrerinnen, nur ein kleines Budget zur Verfügung und kämpft leider um ihr Bestehen. Die Schüler*innen verteilen sich auf fünf Klassen der zweiten bis sechsten Stufe, wobei erste und zweite Klasse zusammen gelegt sind, weil die erste Klasse zur Zeit nur eine Schülerin umfasst. Fast alle der Schüler*innen kommen aus dem Wohnviertel Ngaglik, in dem sich auch die Schule befindet und stammen größtenteils aus eher ärmeren Familien. Auch wenn dies eine christliche Grundschule ist, sind die Schüler*innen und Lehrkräfte keines Falls alle Christen. Nichtsdestotrotz beginnt jeder Schultag morgens um 7Uhr mit einer Andacht, bei der gebetet, Lobpreislieder gesungen und eine Bibelstelle gelesen wird. Danach gliedert sich der Schultag in drei, 90-minütige Schulstunden und zwei Pausen. 

Meine Aufgaben sind es die Kinder in Englisch zu unterrichten und Vertretungsstunden zu füllen, sollte eine Klasse mal keine Lehrkraft haben. Theoretisch hat jede Klasse, wie in Deutschland auch üblich, eine*n Klassenlehrer*in, jedoch hat die Schule dazu zur Zeit nicht genug Lehrpersonal. Da die Klassenlehrerin der dritten Klasse Anfang März in ihre Heimat nach Kalimantan zurückgekehrt ist, habe ich in letzter Zeit viel in der dritten Klasse unterrichtet und bin auch ungewollt in das Vergnügen gekommen neben Englisch noch TEMA zu unterrichten, was wohl so etwas wie Allgemeinwissen und Sachunterricht ist. Ich unterrichte am Liebsten die erste bis dritte Klasse, obwohl ich theoretisch wohl keine 'Lieblinge' unter den Kindern haben dürfte..

Nun gebe ich zu, dass ich viele Aufgaben einer Lehrerin übernehme, aber mir ist wichtig klarzustellen, dass ich eben keine vollwertige Lehrerin bin und auf keine Fall den Anspruch erhebe das zu sein. Ich gebe keinerlei Noten und lasse auch keine Arbeiten oder Tests schreiben. Auch hier in Indonesien ist der Ausbildungsweg zur Lehrerin, mit Studium und allem, ähnlich wie inDeutschland und ich habe kein abgeschlossenes Studium oder sonstige Qualifikationen zur Lehrerin.

Aber apropos Tests und Arbeiten! Letztens hatten die Schüler*innen Halbjahres-Prüfungen und wurden in den Fächern Religion, TEMA, Mathe, Bahasa Jawa (lokale Sprache hier auf derInsel Java) und Kunst geprüft. Die Tests wurden zentral von der Regierung gestellt. Für mich war das sehr interessant, denn das System unterscheidet sich doch von dem mir bisher bekannten, deutschen Schulsystem.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag haben die Kinder jeden Tag zwei Tests geschrieben. Das Gelernte wurde in Form von 'normalen' Fragen, Multiplechoicefragen oder vorgegeben Sätzen, die beendet werden mussten, abgefragt. Mit einem Blick in den Lösungsschlüssel wurde mir schnell klar, dass es vor allem wichtig war das Gelernte genau zu reproduzieren. So gab es zum Beispiel, wenn ein Satz beendet werden sollte, nur eine richtige Lösung. Dies war für mich, einem Kind, dem in der Schule immer und immer wieder eingebläut wurde alles in eigenen Worten wiederzugeben, sehr ungewöhnlich.

Freitags arbeite ich nicht in der SDKr YBPK Ngaglik, sondern unterrichte Englisch in der Vorschule TK PalmKids. Der TK PalmKids ist eine private, zweisprachige Vorschule mit zwei Standorten in Malang. Der Unterricht dort läuft auf Englisch und Indonesisch ab und diese Schule unterscheidet sich sehr von der SD Ngaglik, mal abgesehen davon, dass das eine eine Vorschule und das andere ein Grundschule ist. Die Klassen dort gliedern sich in die Kindergartengruppe für die Kinder im Alter von 3 bis 4 Jahren, dann in die erste Vorschulklasse K1 für die Kinder von 4 bis 5 Jahre und in die zweiteVorschulklasse K2 für die Kinder von 5 bis 6 Jahre. In jeder Stufe gibt es zwei Klassen mit jeweils 20 Kindern und zwei Klassenlehrerinnen. Ich unterrichte K1 und K2 und bin dabei immer zweimal im Monat in dem Standort in Araya und zweimal im Monat in dem Standort in Jingga. Hier stehe ich nicht alleine vor den Klassen, sondern die eigentlichen Klassenlehrerinnen sind immer anwesend und ich bekomme auch vor jeder Stunde ein bestimmtes Thema genannt, wie zum Beispiel „Community Helpers“ oder „The city“, zu denen ich dann meine Unterrichtsstunde vorbereite. Immer wieder muss ich ziemlich kreativ werden, da die Kinder in dem Alter natürlich noch nicht flüssig lesen und schreiben können, aber mir macht es großen Spaß die Unterrichtsstunden vorzubreiten. Der Freitag gliedert sich in eine Fitness-Einheit in der alle zusammen eine halbe Stunde Zumba machen, dann folgt eine Stunde Religionsunterricht, in der sich die Klassen mischen und nach Christen, Katholiken, Muslimen und Hindus aufteilen. (! Kleine Randbemerkung: In Indonesien wird nicht zwischen Protestanten und Katholiken unterschieden, sondern zwischen Christen und Katholiken.) Und danach unterrichte ich dann insgesamt zwei Stunden in zwei unterschiedlichen Klassen. Hier dauert eine Unterrichtsstunde 60 Minuten und die Kinder gehen um 11Uhr schon wieder nach Hause, während die Lehrer*innen bis 15Uhr in der Schule bleiben, den nächsten Unterricht vorbereiten und gemeinsam zu Mittag essen.

Wer mich kennt weiß, dass mir die Arbeit mit Kindern immer großen Spaß macht und genauso ist es auch hier. Ich gehe gleichermaßen gerne in beide Schule, was nicht nur an den Kindern sondern auch daran liegt, dass ich in beiden Schule von einem super netten Kollegium umgeben bin. Für mich ist es sehr interessant diese beiden unterschiedlichen Schulen kennenzulernen und durch die Arbeit im TK PalmKids aus meinem christlich-kirchlichen Umfeld herauszukommen.

Außerhalb der Schule bestimmt viel die Kirchengemeinde meinen Alltag, nach wie vor folge ich der Jugendgruppe der Kirche und gehe immer wieder zu Jugendtreffen und Gottesdiensten, seien es zum Beispiel private Hausgottesdienste bei einem Gemeindemitglied zu Hause oder der wöchentliche Sonntagsgottesdienst. Neben den kirchlichen Aktivitäten in meiner Freizeit, gehe ich seit Anfang März, gemeinsam mit einer Freundin aus der Gemeinde, in ein Fitnessstudio und zum Zumba. Die Entscheidung mich dort anzumelden, war für mich ein wichtiger Schritt, da ich doch etwas Hobby- / Sport-mäßiges zum Ausgleich sehr vermisst habe. 

Neben Alldem gibt es noch etwas, das leider meinen Alltag sehr bestimmt, auch wenn es keine Aktivität ist – und zwar das 'Anders sein'. Schaut man sich mal indonesische Werbung an, so fällt auf, dass fast immer weiße Models abgebildet sind und wenn ich ehrlich bin habe ich hier noch keine einzige Werbung mit dunkelhäutigen Models gesehen. Vielleicht rührt es daher, dass helle Haut als etwas Besonderes oder sogar Erstrebenswertes angesehen wird. Es gibt zahlreiche Bodylotions und Duschgels mit Bleichungsmittel zum Aufhellen der Haut und während ich Anfang des Jahres nach einem Strandbesuch über einen heftigen Sonnenbrand klagte, klagten meine indonesischen Freunde darüber, dass ihre Haut dunkler geworden sei. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht ganz nachvollziehen kann warum helle Haut hier so glorifiziert wird. Ich falle jeden Falls Tag für Tag mit meinem westlichen Aussehen auf. Ich werde jeden Tag darauf angesprochen, dass ich anders bin. Ich habe eine andere Nase, helle Haare und vorallem eine helle Haut. Von vorbeifahrenden Fahrzeugen werde ich an gehupt. Von Passanten oder aus vorbeifahrenden Fahrzeugen wird mir oft mindestens ein Kommentar hinterher gerufen. Manchmal bin ich nur die „Bule“ (die Weiße), auch wenn das Wort an sich hier nicht negativ konnotiert ist. Manchmal werde ich von Fremden auf der Straße am Arm festgehalten, weil sie ein Foto mit mir machen wollen, ich soll Schwangeren den Bauch streicheln, weil sie sich davon erhoffen, dass ihr Baby dann hellere Haut bekommt oder Leute im Angkot (Minibus mit dem ich z.B zur Schule fahre) berühren meine Haut, weil es Glück bringen soll oder sie einfach mal helle Haut berührt haben wollen. Auch wenn das alles größtenteils von den Leuten nicht feindselig gemeint ist, fühle ich mich doch immer wieder auf mein Äußeres reduziert, wie die nächste Attraktion, mit der man sich fotografiert, um es auf Instagram oder Facebook zu posten. Für mich ist das leider etwas an das ich mich nicht gewöhnen kann und ich finde es teilweise wirklich belastend.

Nach alle den ernsten Worten möchte ich euch nun aber meinen Alltag mit ein paar Zitaten bzw. exemplarischen Situationen aus den letzten Wochen näher beschreiben. Irgendwie finde ich nämlich nicht die richtigen Wort, um meinen Alltag für mich zufriedenstellend und für Euch verständlich wiederzugeben und hoffe, dass ihr so einen kleinen, anschaulichen Einblick erhalten könnt und noch dazu bekommt Ihr einen kleinen Eindruck der Indonesischen Sprache, die ich mittlerweilesehr liebe und total gerne spreche! Also dann:

In meiner Gastfamilie

• „Kami takut kamu menjadi lebih kurus“ = „Wir befürchten, dass du wieder abnimmst“, sagte mein Gastvater, der mich ca. zwei Wochen nachdem ich mich im Fitnessstudio angemeldet habe, zu einem ernsten Gespräch gebeten hat, weil dies eine ernst gemeinte, große Sorge meiner Gastfamilie ist. Warum? Weil sie in der Gemeinde als „schlechte Gastgeber“ gelten würden, sollte ich hier abnehmen. Tatsächlich werde ich nicht selten mit einem fröhlichen „Oh wie schön, du hast zugenommen“ begrüßt, was dann als Lob für meine Gastfamilie zu verstehen ist. Was, Wann und Wie viel ich esse wird vor allem von meiner Gastmutter genaustens kontrolliert und daher diskutiere ich mindestens drei Mal am Tag (morgens, mittags, abends) mit meiner Gastmutter darüber, was ich zuletzt gegessen habe.

• „Pernahkah kamu mendengar nyanyian burungku hari ini?“ = „Hast du heute schon meinen Vogel singen gehört?“, fragte mich mein Gastvater als ich um 6:30Uhr morgens zum Frühstück erschien und mir stellte sich unweigerlich die Frage: „Welchen der ca. 20 Vögel?“. Mein Gastvater ist, neben seinem Hauptberuf als Obstbauer, nämlich Hobby-Vogelzüchter und ich werde jeden morgen bei Sonnenaufgang von mehreren Vögeln geweckt. Sowohl die Vogelzucht, als auch seinen Beruf als Farmer macht mein Gastvater mit voller Hingabe und wir unterhalten uns gerne über seine Vögel oder er erklärt mir die verschiedenen tropischen Früchte, ihr Erntezeit und zeigt mir die verschieden Bäume. Ich finde das sehr schön und auch sehr interessant.

In der Schule

„Sepatu? , itu apa?“ = „Schuhe? Schuhe, was ist das?“fragte mich ein Junge der vierten Klasse beharrlich und immer wieder, während ich ihm genau so beharrlich immer wieder auf Indonesisch sagte, er solle bitte seine Schuhe, die er zuvor ausgezogen hatte, wieder anziehen. Das Spielchen ging so lange bis ich ihn dazu auf Englisch aufgefordert habe und er es dann unverzüglich befolgt hat. Somit hat er mir eine wichtige Lektion erteilt: Im Englischunterricht sollte auch Englischgesprochen werden. Nichtsdestotrotz ist die Indonesische Sprache für mich unabdingbar im Unterricht, denn in allen Klassen muss ich die Aufgaben und Sprachregeln größtenteils immer auf Englisch und Indonesisch erklären, damit sie richtig verstanden werden und auch bei den meisten Texten muss ich mit Vokabeln weiterhelfen können.

•„Aku capek, Aku mau tidur..“ = „Ich bin erschöpft, Ich möchte schlafen“ sagte ein Junge der dritten Klasse, während er mitten im Unterricht aufstand und in den Klassenschrank kletterte um dort zu schlafen. Das hat ihm von Seiten der Schüler viele Lacher eingebracht und bei seinem Anblick im Schrank konnte auch ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Neben ganz vielen Englischvokabeln, haben die meisten Schüler*innen nämlich vor allem Flausen im Kopf und eins meiner Problem ist leider, dass ich nicht wirklich schimpfen kann. Zum einen fehlen mir die Worte auf Indonesisch und zum anderen kann ich mich dann selbst nicht ernst nehmen. Außerdem möchte ich auch eigentlich gar nicht schimpfen, wenn die Kinder mich wirklich zum Lachen bringen...wie gut, dass ich „nur“ eine Freiwillige und keine „richtige“ Lehrerin bin. ;-)

Daheim & Unterwegs

•„Mau ke mana, Mbak?“ = „Wohin willst du?“ werde ich eigentlich immer von jedem gefragt sobald ich den Anschein mache irgendwo hinzugehen, seien es die Lehrerinnen, wenn ich das Lehrerzimmer verlasse, der Angkotfahrer, zu dem ich in den Minibus steige oder ein Passant, dem ich auf meinem Weg zu Fuß wohin auch immer begegne. Auch das ist wieder so eine indonesische Höflichkeitsfloskel, die mir immer und überall begegnet. Meistens antworte ich wage mit „Ich gehe einfach spazieren“ oder einer ähnlich verschwommen Formulierung. Als Antwort darauf folgt dann eigentlich immer eines meiner Lieblingswörter des Indonesisch: "Hati-Hati" = "Pass auf dich auf". Ich finde das lässt sich einfach schön sagen.

Hati-Hati. Ich glaube mehr bleibt mir zum Ende dieses Briefes nun auch nicht mehr zu sagen. Aber vorher möchte ich mich nochmal bei Euch bedanken: Vielen Dank für die ganzen lieben Nachrichten, die mich hier in Indonesien erreichen. Vielen Dank für euer Interesse an meinem Jahr und meinen Erfahrungen, die ich hier sammele und vielen Dank für jegliche Unterstützung, die Ihr mir zukommen lasst!

Fühlt Euch frei mir zu schreiben, wenn Euch etwas interessiert oder etwas unklar ist. Ich hoffe ihr hattet genau so viel Freude daran meinen Brief zu lesen, wie ich daran ihn zu schreiben. Die Zeit fliegt und der nächste Rundbrief folgt schon in ein paar Monaten.

Bis dahin, HATI-HATI!

Eure Annika

 

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